Ehrlich gesagt: Unsere Review zu Icebreaker von Hannah Grace
Hätten das orangene Gesicht der USA und die Frau, die niemals genug Fotos dabei hat, ein gemeinsames Kind, wäre es wohl das Buch Icebreaker. Im vom Ukrainekrieg, der Gasknappheit und der Inflation geprägten Jahr 2022 gab Hannah Grace mit diesem Buch der Gesellschaft das, was sie bei einer derartigen Penetration durch schlechte Nachrichten dringend benötigte: Noch mehr Penetration, diesmal jedoch – so meine Meinung – inhaltslos. Der Roman handelt von – ja, wovon eigentlich? Von der Eiskunstläuferin Anastasia, deren Skatingpartner Aaron ihr Leben zunehmend unangenehm gestaltet? Vom Hockeyspieler Nate, der die Wunder eines Peelings entdeckt? Oder doch von den Kunststücken der beiden, die sie auf ihrer Matratze und manchmal auch auf dem Eis aufführen? Eins vorweg: So richtig viel passiert im Icebreaker nicht. Stattdessen handelt es sich um einen gut 400 Seiten langen Porno, der – ähnlich wie bei einem Unfall – den Wunsch erweckt, nicht hinzusehen und dennoch in einem endlosen Starren und Weiterblättern der Rezipient*innen endet. Schade, wo es doch gerade das Medium der Literatur ist, in dem ein Kontext abseits der erotischen Szenen möglich sein sollte.
So ausgelutscht wie vorhersehbar
Wie dem auch sei, Geschmäcker sind verschieden (offensichtlich, wenn Nate Hawkins als begehrenswerter Titelheld auftritt) – und so sind es auch Erwartungen. Schließlich habe ich, nachdem von inhaltlicher Seite schnell klar war, dass es dort nichts zu holen gibt, doch eine gewisse Hoffnung auf die Charakterentwicklung gesetzt. Allerdings erwies sich auch diese als Enttäuschung, denn Charakterentwicklungen gibt es kaum; weder bei den Protagonist*innen noch bei den Nebencharakteren. Die einzige Figur, die überhaupt eine Spur von Charakter aufweist, wenn auch einen sehr unangenehmen, ist der Antagonist Aaron. Im Gesamtbild betrachtet, ist er wohl die interessanteste Figur im Icebreaker-Buch, da er die Beziehung der beiden Protagonist*innen auf Trab hält, ohne dabei mit auf die Matratze zu hüpfen. Damit stellt Aaron sicher, dass Anastasia nicht nur über Nates Penis, sondern auch fröhlich übers Eis schlittert – und gibt Nate die Möglichkeit, seine Männlichkeit auf mehr als penetrierende Art zu beweisen. Letztendlich ist jedoch auch er nur eine Figur eines Systems, in dem – wie sollte es auch anders sein – sich zwei Männer um die Gunst derselben Frau bemühen, der eine als Antagonist des anderen auftritt, der es dem Ritter in der weißen Rüstung schließlich ermöglicht, überhaupt erst Ritter zu sein. Die Geschichte scheint so ausgelutscht wie vorhersehbar und überrascht lediglich durch die abnorme Anzahl des Wortes “Fuck” (“Have I said fuck”?)¹ und die Tatsache, dass Anastasia Nate (und die Leser*innen) noch einmal an die Größe seines Penis erinnern muss (“ ‘Nate’, she whispers like a prayer, ‘it’s so big. Full. Ah.”)².
Wenn das mal keine Auszeit ist…
Doch sollte man vielleicht nicht zu hart mit dem Roman ins Gericht gehen, nicht zu viel erwarten, wo das einzige Ziel vermutlich nur in einer erotischen Liebesgeschichte lag. Schließlich weist bereits die Beschreibung der Autorin auf die Simplizität der vorliegenden Geschichte hin, wird Grace doch als “self-labeled ‘fluffy comfort book’ author”³ vorgestellt, die dazu neigt, “everyone’s eyes ten thousand times a chapter”⁴ zu beschreiben. Und ganz ehrlich? Daran ist überhaupt nichts falsch. Sicherlich benötigen wir alle manchmal eine Auszeit vom Alltag, ein wenig Liebe, ein bisschen Erotik und vor allem ein gemütliches Setting ohne Aufregung. Doch wie bei so vielen Themen scheiden sich auch hier die Geister – und ob ein Roman, an dessen Ende die Leser*innen mehr über das Sexualleben der Figuren als über deren Charaktere wissen, die erhoffte Auszeit bietet, ist meiner Ansicht nach fraglich.
Vielseitig, langweilig und trotzdem unvergesslich
Bei all den im Web kursierenden Rezensionen für den Icebreaker von Hannah Grace, die wie mir scheint im Großen und Ganzen weitaus mehr Inhalt aufzuweisen scheinen als das zugrundeliegende Werk, stellt sich nun also die Frage, ob man sich das Buch überhaupt kaufen sollte oder seinem Geldbeutel und IQ diese Regression nicht lieber erspart. Dazu lässt sich nur eines sagen: Wer sich bis zu diesem Teil der Rezension durchgekämpft hat, wird festgestellt haben, dass das Icebreaker-Buch durchaus eine Erfahrung ist – wenn auch nicht unbedingt eine erfreuliche.
Persönliches Fazit: Ob als Schrottwichtelgeschenk, als Socken-Ersatz für unsere männlichen Leser oder um die Eltern mal so richtig zu enttäuschen: Hannah Graces Icebreaker ist ebenso vielseitig einsetzbar wie langweilig – und bleibt damit definitiv in Erinnerung.
¹ Grace, Hannah: Icebreaker, London: Simon and Schuster 2023, S. 21 (Hervorhebung im Original).
² ebd., S. 139 (Hervorhebung im Original).
³ ebd., S. 433 (About the Author).
⁴ ebd.