Ehrlich gesagt: Unsere Review zu The Nickel Boys
Ich schreibe diese Review, als die Verfilmung des Buches gerade in den Kinos startet. Der Film wird gelobt und steht der literarischen Vorlage anscheinend in nichts nach – ich habe bisher nur den Trailer gesehen, kurz nachdem ich das Buch abgeschlossen habe. Normalerweise bin ich bei Buchverfilmungen vorsichtig: Dass eine Filmfassung der Vorlage das Wasser reichen kann, habe ich bisher nur selten erlebt. Die Welt, die sich in meiner Fantasie beim Lesen des Buches entwickelt, ist für mich meist reicher, realer, passender. Und doch haben mich die Eindrücke des Trailers in einem Punkt unverkennbar an die Vorlage erinnert: Sowohl Buch als auch Film schaffen es, die düsteren Themen der Geschichte mit einer verblüffenden Einfachheit darzustellen, welche die Kernaussage des Buches nicht abschwächt, sondern umso stärker hervortreten lässt.
Ob durch den Klappentext, von Rezensionen aus dem Internet oder einer Empfehlung: Ein Buch zu lesen, ohne den Inhalt zumindest in groben Zügen zu kennen, ist heutzutage schwierig. Ich wusste auch ungefähr, was mich erwartet – schließlich hat mich das Buch bewusst wegen der Thematik angesprochen. Trotzdem hat es mich aufgrund des direkten und sehr nahbaren Schreibstils eiskalt erwischt, als dann die Sätze fallen, die man erahnt hat. Als das eintritt, wovon man bis zuletzt gehofft hat, es möge doch nicht so schlimm sein. Weil ein kleiner Teil des Bewusstseins noch vergeblich daran festgehalten hat, dass es nicht sein kann, dass solche Dinge tatsächlich passiert sind, dass Menschen wirklich zu solchen Taten in der Lage sind. Die Tatsache, dass die Erzählung auf wahren Begebenheiten beruht, hängt wie ein dunkler Schleier auf der Leseerfahrung des Buches, und doch möchte man ihn nicht abstreifen, sondern die Wahrheit erfahren, verstehen, in welche Zeit man vom Autor entführt wird. Am Ende gipfelt die Tragik in einem Plot Twist, der die gesamte Erzählung in ein neues Licht rückt und ihr eine Schwere verleiht, die noch lange nach der letzten Seite erhalten bleibt.
Mit Nickel Boys ist es dem Autor Colson Whitehead gelungen, die Brücke von der Vergangenheit zur Zeit der Jim-Crow-Ära in den 1960er Jahren¹ in die Gegenwart zu schlagen. Er erinnert bewegend daran, wie lange die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten durch Gesetze und Denkweisen gespalten war und Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe systematisch benachteiligt wurden. Diese Zeit ist erschreckend nah – viele der Menschen, die damals gegen Rassentrennung protestierten, feiern zurzeit ihren 75. oder 80. Geburtstag. Die Beatles machten 1964 ihre erste US-Tournee², die Anti-Baby-Pille wurde 1960 in den USA zugelassen³, der Porsche 911 kam 1963 auf den Markt⁴ und 1969 landete der erste Mensch auf dem Mond.⁵ Die “Dozier School for Boys” – die reale Vorlage, die Whitehead zu seinem Roman inspirierte – wurde erst im Jahr 2011 endgültig geschlossen.⁶
Vor dem Hintergrund, dass die Gleichbehandlung von Menschen unterschiedlicher Herkunft vor allem in den Staaten heute immer noch – oder sollte man sagen: gerade heute – ein so präsentes Thema ist, wird Nickel Boys zur Pflichtlektüre. Hoffentlich greifen diejenigen, die zumindest den Film gesehen haben, auch zum Buch, um sich nochmals direkter mit dieser eindrücklichen und bewegenden Erzählung auseinanderzusetzen.
¹ https://jimcrowmuseum.ferris.edu/what.htm
² https://www.deutschlandfunk.de/popmusik-vor-50-jahren-begannen-die-beatles-ihre-erste-usa-100.html
³ https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/210997/55-jahre-pille/
⁴ https://newsroom.porsche.com/de/produkte/porsche-einmillionste-911-produktionsjubilaeum-sieben-generationen-13732.html
⁵ https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/astronomie/mond/mond-erste-mondlandung-110.html#:~:text=Erste%20Mondlandung%20Kleiner%20Schritt%20von,noch%20heute%20von%20manchen%20angezweifelt.
⁶ https://guides.lib.usf.edu/dozier