Die Nickel Boys | Colson Whitehead

Das Wichtigste auf einen Blick

Elwood Curtis wächst im Florida der 1960er Jahre auf, ein fleißiger, idealistischer schwarzer Schüler. Er glaubt an Martin Luther Kings Worte und will studieren. Auf dem Weg zu seinem College wird er jedoch in einem gestohlenen Auto erwischt – obwohl er nicht der Dieb ist. Er wird zur Nickel Academy geschickt, einer Besserungsanstalt für Jungen. Dort herrschen Gewalt, Missbrauch und rassistische Trennung. Elwood versucht, an das Gute zu glauben, während viele seiner Mitinsassen gelernt haben, zu überleben, statt zu hoffen. Er freundet sich mit Turner an, der zynisch und vorsichtig ist. Beide erleben Misshandlungen und Todesfälle von Schülern. Elwood will die Missstände öffentlich machen und fliehen. Der Versuch endet tragisch: Turner überlebt, Elwood wird erschossen und heimlich verscharrt. Jahrzehnte später werden auf dem Gelände der Anstalt Massengräber entdeckt. Turner lebt unter Elwoods Namen und erzählt die Geschichte, wodurch das volle Ausmaß der Verbrechen sichtbar wird.
Der Roman spielt hauptsächlich in den 1960er Jahren während der sogenannten Jim-Crow-Ära in den USA. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der die Rassentrennung zwar rechtlich unter Druck geriet, im Alltag der Südstaaten (insbesondere in Florida) aber noch brutalste Realität war. Das Buch schlägt hier die Brücke von der Vergangenheit zu dieser Zeit und der Gegenwart.
Absolut. Whitehead gelingt es mit einem direkten und nahbaren Schreibstil, die Gräueltaten der Vergangenheit greifbar zu machen, ohne die Geschichte unnötig zu überladen. Besonders der Plot Twist am Ende verleiht dem Werk eine Tiefe und Schwere, die noch lange nach der Lektüre wirkt und die Leser:innen nachhaltig prägt.
„Fun Town“ ist ein real existierender Vergnügungspark in Atlanta, der für den Protagonisten Elwood zum zentralen Symbol der Ausgrenzung wird. Da der Park Weißen vorbehalten war, repräsentiert er das unerreichbare Glück und die bittere Ungerechtigkeit der Rassentrennung. Er steht für die schmerzhafte Erkenntnis eines Kindes, dass die Welt durch eine unsichtbare Mauer geteilt ist, gegen die der Protagonist machtlos ist.
Eiscreme steht hier für die Ironie und Manipulation innerhalb der Nickel Academy. Es zeigt, wie kleine Momente der scheinbaren Normalität genutzt wurden, um das grausame System der Anstalt zu verschleiern.
Das Buch eignet sich für alle, die sich für amerikanische Zeitgeschichte und soziale Gerechtigkeit interessieren. Es ist für Leser gedacht, die eine eindrückliche, wahre Begebenheiten widerspiegelnde Erzählung suchen und bereit sind, sich mit der dunklen Seite der Menschheit auseinanderzusetzen. Wer den Film gesehen hat, sollte das Buch ebenfalls lesen, um die Gedankenwelt der Charaktere noch direkter zu erfahren.

Ehrlich gesagt: Unsere Review zu The Nickel Boys

Ich schreibe diese Review, als die Verfilmung des Buches gerade in den Kinos startet. Der Film wird gelobt und steht der literarischen Vorlage anscheinend in nichts nach – ich habe bisher nur den Trailer gesehen, kurz nachdem ich das Buch abgeschlossen habe. Normalerweise bin ich bei Buchverfilmungen vorsichtig: Dass eine Filmfassung der Vorlage das Wasser reichen kann, habe ich bisher nur selten erlebt. Die Welt, die sich in meiner Fantasie beim Lesen des Buches entwickelt, ist für mich meist reicher, realer, passender. Und doch haben mich die Eindrücke des Trailers in einem Punkt unverkennbar an die Vorlage erinnert: Sowohl Buch als auch Film schaffen es, die düsteren Themen der Geschichte mit einer verblüffenden Einfachheit darzustellen, welche die Kernaussage des Buches nicht abschwächt, sondern umso stärker hervortreten lässt.

Ob durch den Klappentext, von Rezensionen aus dem Internet oder einer Empfehlung: Ein Buch zu lesen, ohne den Inhalt zumindest in groben Zügen zu kennen, ist heutzutage schwierig. Ich wusste auch ungefähr, was mich erwartet – schließlich hat mich das Buch bewusst wegen der Thematik angesprochen. Trotzdem hat es mich aufgrund des direkten und sehr nahbaren Schreibstils eiskalt erwischt, als dann die Sätze fallen, die man erahnt hat. Als das eintritt, wovon man bis zuletzt gehofft hat, es möge doch nicht so schlimm sein. Weil ein kleiner Teil des Bewusstseins noch vergeblich daran festgehalten hat, dass es nicht sein kann, dass solche Dinge tatsächlich passiert sind, dass Menschen wirklich zu solchen Taten in der Lage sind. Die Tatsache, dass die Erzählung auf wahren Begebenheiten beruht, hängt wie ein dunkler Schleier auf der Leseerfahrung des Buches, und doch möchte man ihn nicht abstreifen, sondern die Wahrheit erfahren, verstehen, in welche Zeit man vom Autor entführt wird. Am Ende gipfelt die Tragik in einem Plot Twist, der die gesamte Erzählung in ein neues Licht rückt und ihr eine Schwere verleiht, die noch lange nach der letzten Seite erhalten bleibt.

Mit Nickel Boys ist es dem Autor Colson Whitehead gelungen, die Brücke von der Vergangenheit zur Zeit der Jim-Crow-Ära in den 1960er Jahren¹ in die Gegenwart zu schlagen. Er erinnert bewegend daran, wie lange die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten durch Gesetze und Denkweisen gespalten war und Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe systematisch benachteiligt wurden. Diese Zeit ist erschreckend nah – viele der Menschen, die damals gegen Rassentrennung protestierten, feiern zurzeit ihren 75. oder 80. Geburtstag. Die Beatles machten 1964 ihre erste US-Tournee², die Anti-Baby-Pille wurde 1960 in den USA zugelassen³, der Porsche 911 kam 1963 auf den Markt⁴ und 1969 landete der erste Mensch auf dem Mond.⁵ Die “Dozier School for Boys” – die reale Vorlage, die Whitehead zu seinem Roman inspirierte – wurde erst im Jahr 2011 endgültig geschlossen.⁶

Vor dem Hintergrund, dass die Gleichbehandlung von Menschen unterschiedlicher Herkunft vor allem in den Staaten heute immer noch – oder sollte man sagen: gerade heute – ein so präsentes Thema ist, wird Nickel Boys zur Pflichtlektüre. Hoffentlich greifen diejenigen, die zumindest den Film gesehen haben, auch zum Buch, um sich nochmals direkter mit dieser eindrücklichen und bewegenden Erzählung auseinanderzusetzen.


¹ https://jimcrowmuseum.ferris.edu/what.htm

² https://www.deutschlandfunk.de/popmusik-vor-50-jahren-begannen-die-beatles-ihre-erste-usa-100.html

³ https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/210997/55-jahre-pille/

⁴ https://newsroom.porsche.com/de/produkte/porsche-einmillionste-911-produktionsjubilaeum-sieben-generationen-13732.html

⁵ https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/astronomie/mond/mond-erste-mondlandung-110.html#:~:text=Erste%20Mondlandung%20Kleiner%20Schritt%20von,noch%20heute%20von%20manchen%20angezweifelt.

⁶ https://guides.lib.usf.edu/dozier

Portrait von Mathi

Mathi

Mathi verbindet als SEO-Spezialist und Webdesigner analytisches Denken mit einer lebenslangen Liebe zur Literatur. Schon seit seinem fünften Lebensjahr sind Bücher für ihn der wichtigste Ruhepol – ein Ort, an dem er ohne Bildschirm und Tonspur ganz in fremde Welten abtauchen kann. Sein Fokus liegt dabei auf Romanen mit psychologischer Tiefe und Sachbüchern zu Naturwissenschaften oder Geschichte, wobei er auch mit Fantasy-Reihen wie Harry Potter großgeworden ist.

In seinen Rezensionen auf TielReviews blickt er mit einer sachlich-logischen Perspektive auf die Texte. Er schätzt klare Strukturen und die Herausforderung, sich auch durch komplexe Werke von Autoren wie Hesse, Aitmatov oder Dostojewski zu arbeiten. Für ihn ist Lesen die perfekte Mischung aus Entspannung und intellektuellem Ehrgeiz.

Das Cover des Buchs "The Nickel Boys" von Colson Whitehead
Originaltitel: The Nickel Boys
Originalsprache: Englisch
Autor*in: Colson Whitehead
Seitenzahl: 224
ISBN: 9780708899434
Verlag: Hanser